Wenn die Welt noch schläft, retten Ehrenamtliche Helfer Leben Jedes gerettete Jungtier zählt

Nauen/Havelland. Es ist kurz vor drei Uhr morgens. Auf einem Feldweg im Havelland treffen nach und nach die ersten Fahrzeuge ein. Einige Helferinnen und Helfer haben bereits mehr als 30 Minuten Anfahrt hinter sich. Während die meisten Menschen noch schlafen, werden Drohnen aufgebaut, Akkus kontrolliert, Funkgeräte verteilt und die Teams eingeteilt.

Wenig später steigt die erste Drohne mit Wärmebildkamera über einer Wiese auf. Für die Ehrenamtlichen der Rehkitzrettung des Jagdverbandes Nauen e. V. beginnt ein weiterer Einsatz, bei dem jede Minute zählt.

Für Tanja Pankotsch und ihr Team ist die Rehkitzrettung weit mehr als ein Ehrenamt. Sie ist gelebte Hege und Pflege, aktiver Natur- und Artenschutz und eine Herzensaufgabe.

„Die Suche beginnt bei uns um 3 Uhr morgens – nicht das Treffen, sondern die eigentliche Arbeit im Feld“, sagt die Leiterin der Rehkitzrettung des Jagdverbandes Nauen e. V. „Dafür klingelt der Wecker oft schon gegen halb zwei oder zwei Uhr. Nach mehreren Stunden Einsatz fahren viele direkt weiter zur Arbeit. Das ist alles reines Ehrenamt.“

Moderne Technik rettet Tierleben

Die Einsätze erfolgen in enger Abstimmung mit den ortsansässigen Landwirten und Jägern. Sie melden bevorstehende Mäharbeiten und beauftragen die Rehkitzrettung mit der Suche nach Jungwild auf den Flächen.

Der frühe Einsatz hat einen einfachen Grund: In den kühlen Morgenstunden lassen sich versteckte Tiere mit Wärmebildkameras besonders gut entdecken. Mit zunehmender Erwärmung des Bodens wird dies deutlich schwieriger.

Noch vor Arbeitsbeginn der Landmaschinen werden die Wiesen systematisch mit modernen Wärmebilddrohnen abgesucht. Ein Drohnenpilot steuert das Fluggerät, häufig unterstützt durch einen Beobachter. Entdeckte Wärmesignaturen werden per Funk an die Teams am Boden weitergegeben.

Die Bilanz der laufenden Saison zeigt, wie wichtig diese Arbeit ist: Bis zum 15. Juni 2026 wurden bereits 1.004 Hektar Grünland abgesucht. Dabei konnten 164 Rehkitze vor dem Tod durch Mähwerke bewahrt werden.

„Die Zahlen können sich sehen lassen“, heißt es aus den Reihen der Organisatoren. Die Fläche ist größer als 1.400 Standard-Fußballfelder oder größer als 7 Mal den Hyde Park in London. (Das sind also rund 100 Fußballfelder mehr als ein normales Stadion, wenn man nur das Spielfeld zählt.)
Gleichzeitig sei die Saison noch nicht beendet. Zwar werden die Kitze zunehmend mobiler, doch die Gefahr während der Mahd besteht weiterhin.

Dennoch – „und unzählige ehrenamtliche Einsatzstunden – vieles von dem, was die Rehkitzrettung leistet, lässt sich in Zahlen ausdrücken. Doch nicht alles, was zählt, kann gezählt werden. Der Wert eines geretteten Lebens, die Bewahrung von Artenvielfalt und das Engagement der vielen Helferinnen und Helfer lassen sich kaum messen. Vielleicht sind es gerade die stillen Momente – ein scheuer Blick, ein rascher Sprung ins hohe Gras oder ins schützende Gebüsch –, die zeigen, warum sich jeder Einsatz lohnt. 

Fachwissen und Ausbildung gehören dazu

Die Beteiligung der ortsansässigen Jägerinnen und Jäger hat einen wichtigen fachlichen Hintergrund. Sie kennen die Reviere, die Wildbestände und das Verhalten der Tiere vor Ort oftmals seit vielen Jahren.

Das Auffinden und Bergen von Rehkitzen erfordert zudem eine spezielle Einweisung und Ausbildung. Die Helferinnen und Helfer werden auf ihre Aufgaben vorbereitet, um die Tiere fachgerecht und möglichst stressfrei zu sichern.

„Viele Helferinnen und Helfer kommen aus dem Jagdverband, aber längst nicht alle“, erklärt Pankotsch. „Uns verbindet der Wunsch, etwas für den Natur- und Tierschutz zu tun. Einige haben einen jagdlichen Hintergrund, andere nicht. Entscheidend ist die gemeinsame Verantwortung für die Tierwelt vor unserer Haustür.“

Schonende Sicherung der Kitze

Erreichen die Teams einen gemeldeten Fundort, beginnt die eigentliche Rettungsarbeit. Mit Handschuhen, großen Keschern sowie speziell angeschafften Taschen oder Transportkisten sichern sie die Tiere. Um den menschlichen Einfluss möglichst gering zu halten, werden die Behälter mit Gras ausgelegt.

Nach der Bergung werden die Rehkitze an schattigen und geschützten Stellen abgelegt. GPS-Koordinaten sowie rot-weiß gestreifte Markierungsbänder helfen dabei, die Standorte nach Abschluss der Mahd exakt wiederzufinden.

Erst wenn die Fläche vollständig abgesucht wurde, erfolgt die Freigabe für die Mäharbeiten. Mobile Kitze werden den Landwirten zusätzlich gemeldet.

Doch die Helfer retten längst nicht nur Rehkitze.

„Viele denken beim Namen Rehkitzrettung nur an Rehe“, sagt Tanja Pankotsch. „Tatsächlich entdecken wir regelmäßig auch Igel, Junghasen sowie Gelege von Bodenbrütern wie Feldlerchen oder Fasanen. Jedes gerettete Jungtier zählt.“

Werden Igel entdeckt, bringen die Helfer sie aus der Gefahrenzone und setzen sie in unmittelbarer Nähe wieder aus. Auch Nester bodenbrütender Vogelarten werden markiert oder vorübergehend gesichert, um sie vor den Mäharbeiten zu schützen.

Freilassung nach der Mahd

Sobald die Mäharbeiten abgeschlossen sind, werden die Rehkitze in Abstimmung mit dem Landwirt und den ortsansässigen Jägern wieder freigelassen.

In der Regel finden die Ricken ihren Nachwuchs innerhalb kurzer Zeit wieder. Ziel aller Beteiligten ist es, die Tiere unversehrt in ihren natürlichen Lebensraum zurückzubringen.

Ehrenamtliches Engagement für den Natur- und Artenschutz

Die Einsätze leisten weit mehr als reine Rehkitzrettung. Sie tragen zum Schutz zahlreicher heimischer Tierarten und zur Förderung der Artenvielfalt in der Kulturlandschaft des Havellandes bei.

Besonders bemerkenswert: Die gesamte Arbeit erfolgt ehrenamtlich. Viele Helferinnen und Helfer fahren nach den frühen Einsätzen direkt weiter zur Arbeit.

Die erfolgreiche Rehkitzrettung sei nur durch das Zusammenspiel vieler Beteiligter möglich.

„Ohne die Landwirte, die Jägerinnen und Jäger und die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer aus der Region wäre das in dieser Form nicht leistbar“, sagt Pankotsch.

„Hege und Pflege gehören für uns Jäger zu den wichtigsten Aufgaben überhaupt. Wir möchten dazu beitragen, dass unsere heimischen Wildtiere einen lebenswerten Lebensraum vorfinden. Die Rehkitzrettung ist dafür ein sichtbares Beispiel.“

Jeder Einsatz zeigt, was gemeinsames Engagement bewirken kann. Solange Jungtiere in den Wiesen Schutz suchen, lohnt sich für das Team jede frühe Stunde und jeder zurückgelegte Kilometer.

Die geretteten Tiere können sich nicht bedanken. Manchmal bleibt beim Freilassen nur ein kurzer Blick, ein rascher Satz ins hohe Gras oder ein Sprung ins schützende Gebüsch. Doch für die Helferinnen und Helfer der Rehkitzrettung ist genau das der schönste Dank.

Unterstützung willkommen

Die Rehkitzrettung wird ehrenamtlich getragen. Für Drohnen, Wärmebildtechnik, Funkgeräte, Transportbehälter und weitere Ausrüstung entstehen jedoch laufende Kosten. Der Jagdverband Nauen freut sich deshalb über Spenden zur Unterstützung der Arbeit.

Spendenkonto

Jagdverband Nauen e. V.
Mittelbrandenburgische Sparkasse

IBAN: DE97 1605 0000 3812 0016 15

Verwendungszweck: Rehkitzrettung

Für eine Spendenquittung geben Sie bitte Ihren Namen und Ihre Anschrift an.

Leiterin und Ansprechpartnerin der Rehkitzrettung:
Tanja Pankotsch für den Jagdverband Nauen e. V.